Geschichte des Lehrstuhls

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In der neu begründeten Berliner Theologischen Fakultät lasen die ersten Professoren fächerübergreifend - Schleiermacher wie auch Philipp Konrad Marheinecke (1780-1846) hielten daher ab und an auch kirchenhistorische Vorlesungen. Bald wurde aber deutlich, daß vor allem das Gebiet der älteren Kirchengeschichte durch diese Fakultätsstruktur nicht abgedeckt war; so wurde 1813 als vierter Ordinarius neben Schleiermacher, Marheinecke und Wilhelm Martin Leberecht de Wette (1780-1849) der aus Hamburg stammende August Neander (1789-1850) speziell auch für diesen Bereich berufen. Neander, der als David Mendel geboren worden war und sich 1806 in Hamburg hatte taufen lassen, war 1811 in Heidelberg mit einem patristischen Thema habilitiert worden. Eine ganze Reihe von Schriften aus der Berliner Zeit beschäftigt sich mit der christlichen Antike, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf Individuen und ihren Frömmigkeiten lag (Denkwürdigkeiten aus der Geschichte des Christenthums und des christlichen Lebens, 3 Bde., 2. Auflage 1825-1827). Harnack faßte das Werk seines Vorgängers 1889 so zusammen: "Neander hat die Kirchengeschichte der Theologie zurückgegeben, weil er den Pulsschlag christlichen Empfindens und Lebens auch unter fremden und spröden Hüllen zu entdecken verstand".

Aus den weniger prominenten Berufungen der Folgejahre (u.a. Lehnerdt, Niedner sowie Gerlach) ragt der nach heftigen Auseinandersetzungen 1888 vollzogene Wechsel des aus Marburg kommenden Adolf  (seit 1914: von) Harnack (1851-1930) an die Fakultät heraus. Während die ersten Jahre von Auseinandersetzungen überschattet waren - beispielsweise dem Streit um die Stellung des apostolischen Glaubensbekenntnisses in der evangelischen Kirche -, genoß der Gelehrte in den späteren Jahren den wachsenden Ruhm seiner großen Fülle von Publikationen zum antiken Christentum und anderen Themen der Kirchen- und Theologiegeschichte. Zunehmend wurde Harnack auch für andere wissenschaftliche und wissenschaftspolitische Aufgaben herangezogen - von der Direktion der zunächst königlichen, dann preußischen Staatsbibliothek bis zur Präsidentschaft der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, der heutigen Max-Planck-Gesellschaft. Sein feinsinniges historisches Urteil wurde durch ein Interesse an den großen Zusammenhängen ergänzt (Die Mission und Ausbreitung des Christentums, 4. Auflage 1924), eine recht eigenständige systematisch-theologische Konzeption steht im Hintergrund mancher Urteile. Das wird sowohl aus dem "Lehrbuch der Dogmengeschichte" (3 Bde., 5. Auflage 1931) wie aus dem späten "Marcion" (2. Auflage 1924) deutlich. Durch die Begründung und Leitung der Ausgabe der "Griechischen Christlichen Schriftsteller" an der Preußischen Akademie schuf Harnack zugleich auch wichtige Voraussetzungen für die Arbeit an den Quellen des antiken Christentums.

Harnacks Wunschnachfolger war der 1924 aus Jena nach Berlin gewechselte Hans Lietzmann (1875-1942). Während seine ersten Arbeiten Zeichen einer starken philologischen Prägung sind (z.B. Apollinaris von Laodicea und seine Schule, 1904), treten dann zunehmend liturgiewissenschaftliche und archäologische Fragen in den Blick (z.B. Petrus und Paulus in Rom, 1927). Synthese dieser Zugänge ist die große vierbändige "Geschichte der Alten Kirche" (1932-1944; 6. Auflage 1999). Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg setzten die Lietzmann-Schüler Kurt Aland (bis 1947, danach als Gastprofessor) und Walther Eltester die Tradition ihres Lehrers fort, wechseln allerdings 1958 bzw. 1949 in den Westen.

Unter Lietzmann wurde auch erstmals (wieder) die Arbeit an archäologischen Quellen integraler Bestandteil der Arbeit am Lehrstuhl. Bis dahin wurden Texte und materiale Überlieferungen des antiken Christentums in Berlin in zwei getrennten institutionellen Kontexten erforscht. Das lag zunächst einmal daran, dass Neanders Schüler Ferdinand Piper (1811-1889) die Monumente als einen Zugang zu christlicher Frömmigkeit entdeckt hatte (Einleitung in die Monumentale Theologie, 1867; Nachdruck mit Einleitung von Horst Bredekamp, 1978) und ab 1842 als außerordentlicher Professor an der Fakultät wirkte. 1849 gründete er (mit königlichen Zuschüssen) das „Christliche Museum“ der Universität, eine umfangreiche Kollektion von Originalen sowie Gipsabgüssen antiker und mittelalterlicher Kunstwerke samt umfangreicher Bibliothek. Als seine Nachfolger standen der Sammlung zunächst Nikolaus Müller (1857-1912) und Georg Stuhlfauth (1872-1942) vor, seit 1924 teilte sich Lietzmann die Leitung (nicht ganz spannungsfrei) mit Stuhlfauth. 1934 folgte Stuhlfauth nach dessen Emeritierung Lietzmanns Schüler Friedrich Gerke (1900-1966) nach, der 1946 nach Mainz wechselte und dort erneut ein Museum aufbaute. Die wenigen Reste des Berliner Museums, die Verlagerung und Zerstörung überlebt hatten, ordnete zunächst ein Schüler Gerkes, Klaus Wessel (1916-1987), nach dessen Weggang amtierte 1953 Walter Elliger (1903-1985) sowohl als Direktor des Seminars für Kirchengeschichte als auch des Seminars für Christliche Archäologie und kirchliche Kunst. In den Jahren bis zum Wechsel 1963 an die neugegründete Ruhr-Universität Bochum arbeitete er allerdings vor allem auf dem Gebiet der Reformationsgeschichte. Nach längeren, politisch bedingten Mühen wurde 1964 sein Assistent Alfred Raddatz (1928-2006) als Dozent berufen, der wieder auf dem Gebiet der spätantiken und frühmittelalterlichen christlichen Archäologie arbeitete, ihm folgte 1972 seine Doktorandin Gerlinde Strohmaier-Wiederanders. Nach deren Pensionierung wird das Fach an der Fakultät nun seit 2007 durch Tomas Lehmann vertreten.

Die auf Lietzmann sowie seine Schüler Aland und Eltester folgenden Besetzungen der kirchengeschichtlichen Professuren und Dozenturen legten ihren Schwerpunkt weniger oder gar nicht auf das Gebiet das antiken Christentums, erst nach der Integration der Kirchlichen Hochschule Berlin (West) an die Humboldt-Universität lehrte mit Ulrich Wickert (1927-2009) wieder für kurze Zeit ein Patristiker an der Fakultät; Wolfgang Ullmann (1929-2004), seit 1978 auch auf dem Gebiet der Patristik tätiger kirchengeschichtlicher Dozent des (Ost-)Berliner Sprachenkonviktes, war nicht mit dem Kollegium der Hochschule an die Humboldt-Universität gewechselt. Nach neun Jahren Vakanz wurde der Lehrstuhl im Jahre 2004 wieder besetzt; seitdem lehrt auf ihm Christoph Markschies (*1962).

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