"Wissenschaft braucht eigenen Standards"

22.07.2013 | von  Joachim Frank 

Wie misst man, ob eine Forschungsarbeit sauber ist? Christoph Markschies von der Akademie der Wissenschaften Berlin-Brandenburg sucht nach klaren Vorgaben.

Mit einem Forschungsprojekt „Zitat und Paraphrase“ reagiert die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften auf die jüngsten Plagiats-Diskussionen, unter anderem um die Doktorarbeit der ehemaligen Forschungsministerin Annette Schavan (CDU). Die Arbeit ist auf zweieinhalb Jahre angelegt und zielt auf „präzise Begriffsdefinitionen“ und die Erhebung von Standards. Die beteiligten Wissenschaftler ziehen die Idee einer „mathematischen Messbarkeit wissenschaftlicher Originalität“ in Zweifel und wollen dies an Fällen diskutieren. Wir sprechen darüber mit dem Vizepräsidenten der Akademie, Christoph Markschies.

Professor Markschies, hat die Universität Düsseldorf Annette Schavan den Doktortitel vorschnell entzogen?

Eine einzelne Dissertation muss immer im Verhältnis zu der Kohorte von Arbeiten beurteilt werden, die an gleicher Stelle zur gleichen Zeit erstellt worden sind. Ich plädiere für eine geschichtliche Einordnung. Ein kleines Heft mit Zitierregeln als vermeintlich abstrakte Orientierung, wie im Fall Schavan, hilft da nicht weiter. Aber da spreche ich privat, nicht für die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften.

"Es geht um größere Klarheit"

Jenseits des Einzelfalls aber sieht die Akademie Handlungsbedarf. Warum?

Die Diskussion über Plagiate und Zitierkonventionen hat gezeigt, dass wir viel zu wenig wissen, wie sich die Gepflogenheiten im Lauf der Zeit und in den jeweiligen Disziplinen entwickelt haben. Es geht um größere Klarheit darüber, was gemeinsame Standards sind und wo spezifische Unterschiede liegen. Um Beispiele zu nennen: Meine akademische Lehrerin hat mir immer vorgehalten, ich brächte zu viele Fußnoten an. Und es galt als Zeichen von Eitelkeit, sich selbst zu zitieren. Heute würde das Weglassen von Belegen eigener Vorarbeiten als „Selbstplagiat“ angekreidet.

Wo genau wollen Sie Abhilfe schaffen?

Zurzeit prallen zwei Positionen hart aufeinander. Die konstruktivistische Position sagt: Es hat nie allgemein verbindliche wissenschaftliche Standards gegeben, sondern die Community legt machtpolitisch alle paar Jahre neu fest, was sie für den Standard hält. Dem entgegnet die positivistische Sicht: Es haben immer dieselben Gesetze zur Zitation von Quellen gegolten. Wir halten beides für unzutreffend und wollen über diese falsche Alternative hinauskommen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Eine philosophische Dissertation der 20er-Jahre kommt praktisch ohne Fußnoten aus. Auch die philosophische Doktorarbeit von Michael Pieper, Rektor der Universität Düsseldorf, enthält nur wenige Fußnoten – und doch sind diese Arbeiten bis heute valide. Das zeigt, dass es den Wandel im Verständnis präzise zu kartographieren gilt.

War die Universität Düsseldorf im Fall Schavan also ohne solches „Kartenmaterial“ auf unbekanntem Terrain unterwegs?

Soweit ich persönlich das beurteilen kann, hat eine solche Betrachtung im Düsseldorfer Verfahren keine Rolle gespielt. Die Uni hat sogar gesagt, sie wolle sich damit gar nicht beschäftigen, sondern lediglich textimmanent prüfen, ob plagiiert worden ist.

Viele Akademiker-Kollegen aus Frau Schavans Generation beharren vehement darauf, dass ihnen die heute gültigen Regularien auch schon vor 30 Jahren klar gewesen seien. Was stimmt?

Zunächst muss zwischen Zitat und Paraphrase unterschieden werden. Was die wörtliche Zitation betrifft, so ist nicht zu bestreiten, dass Zahl und Länge der Fußnoten im Laufe der Jahre deutlich gestiegen sind. Der Übergang zu sehr strengen Vorgaben dürfte um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert anzusetzen sein. Sie brauchen nur einmal die Arbeiten etwa des Historikers Leopold von Ranke zur Hand zu nehmen, um sich den seither erfolgten Paradigmenwechsel vor Augen zu führen, erst recht im Vergleich zu antiken Schriften. Die zitieren in der Regel nicht einmal den Autor, bei dem sie sich bedienen, würden ihr Vorgehen aber trotzdem für „wahrhaftig“ gehalten haben. Das Erkennen der Quelle ohne expliziten Beleg war in Antike und Mittelalter geradezu ein Sport unter Gebildeten. Bei der Paraphrase als zusammenfassender Wiedergabe war es früher durchaus statthaft, auf eine längere fremde Textpassage mit dem Vermerk „dazu vergleiche grundsätzlich XY“ hinzuweisen. Auch das ginge heute so nicht mehr.

"Instrumente für ein Gesamturteil fehlen"

Kann man dann einer einzelnen Arbeit überhaupt gerecht werden, bevor die Ergebnisse Ihrer Forschung vorliegen?

Zumindest fehlen wichtige Instrumente für ein Gesamturteil. Warum sollten Arbeiten mit nachlässiger technischer Machart nicht trotzdem von vorzüglicher Qualität sein können? Mein Lehrer Martin Hengel etwa, den ich tief bewundere, war ein – sagen wir mal – sehr sorgloser Zitierer. Gab er als Kirchenhistoriker aus einer antiken Schrift „Buch 3, Kapitel 4“ wieder, konnten Sie fast darauf wetten, dass das Zitat eher in „Buch 4, Kapitel 3“ stand. Trotzdem verdanken wir ihm großartige Einsichten in die Geschichte des frühen Christentums. Niemand käme auf die Idee, zu sagen: „Ach Gott, was sind seine Fußnoten so luschig!“ – und das zum Maßstab eines Qualitätsurteils zu machen.

Damit tragen Sie Kriterien wie „Originalität“ in die Debatte ein. Ein Tritt auf schwammigen Untergrund?

Von Friedrich Nietzsche stammt der Satz „Denn gesund ist, wer vergaß“. Da es auf dieser Welt nichts gibt, was nicht vorher schon einmal gesagt oder geschrieben worden wäre, kann es für die Kreativität eines Gedankengangs förderlich sein, sich nicht auf den lückenlosen Nachweis der Herkunft zu fixieren. Wer die Quelle allerdings bereits kennt, ist natürlich verpflichtet, sie auch anzugeben.

Ihr Projekt will auch prüfen, welche Herrschaftsfunktion Zitate haben. Von welcher Annahme gehen Sie dabei aus?

Ein Zitat ist nicht nur objektiver Beleg, sondern erfüllt eine bestimmte Funktion im Wissenschaftsbetrieb. Zitation dient dazu, akademische Hierarchien zu stabilisieren – oder zu destabilisieren. Das geschieht nicht immer bewusst, sondern bisweilen unwillkürlich. In einer Zeit von Indizes, in der die Häufigkeit von Zitationen über die Vergabe von Forschungsgeldern entscheidet, hat das sehr handfeste Folgen. Übrigens auch und gerade für Frauen.

"Zitationskartelle zu Lasten von Frauen"

Eine Gender-Dimension beim Zitieren?

Da Frauen im Wissenschaftsbetrieb bis heute unterrepräsentiert sind, verfestigen Zitationskartelle von Männern logischerweise dieses Gefälle zu Lasten von Frauen. All das zeigt: Zitate, Zitierkonventionen und -kartelle haben etwas mit Herrschaft zu tun.

Und die Suche nach Plagiaten etwas mit Politik, wie Sie beklagen?

Wundert Sie das? Die meisten Autoren, deren Doktorarbeiten von Plagiatsjägern unter die Lupe genommen wurden, sind doch prominente Parteipolitiker. Indem die Standards und deren Geltung klarer würden, nähme vermutlich auch die Tendenz einer „Politikerjagd“ ab. Auch damit wäre viel gewonnen – für die Politik wie für die Wissenschaft.

Die Akademie kritisiert generell die Einmischung wissenschaftsfremder Akteure. Wen meinen Sie noch?

Die Vorstellung, das mathematische Auszählen von Belegstellen habe etwas mit Qualität und Originalität zu tun, wird geisteswissenschaftlicher Arbeit nicht gerecht. Das sagen uns auch die Mathematiker selbst. Das heißt: Die Wissenschaft muss eigene Standards festlegen und kann die Qualitätsprüfung nicht delegieren.

Wenn Sie in zweieinhalb Jahren Ihr Projekt abgeschlossen haben werden, kommen die Ergebnisse für Annette Schavan höchstwahrscheinlich zu spät.

So ist das bei Langzeit-Projekten. Sie können nicht am Wohl und Wehe von Individuen ausgerichtet sein, sondern am Erkenntnisgewinn für das große Ganze. Unser Ziel ist die möglichst professionelle Beurteilung wissenschaftlicher Leistungen. Wenn wir hier noch erheblichen Handlungsbedarf sehen, stehen wir damit gewiss nicht allein.

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